Interview mit Annette Kurschus

„Ein starkes Gewicht“

Evangelisches Profil – das bedeutet für Annette Kurschus, stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, dass Ehrenamtliche bei wichtigen Entscheidungen mitbestimmen dürfen. Für sie ist dies ein hohes Gut, das auch in Zeiten des Mitgliederschwunds auf allen Ebenen der Kirche gepflegt werden müsse.


Wenn Sie die Partizipation von Ehrenamtlichen am kirchlichen Gemeindeleben heute mit den Zuständen während der 1970er und 1980er Jahre vergleichen, was hat sich aus Ihrer Sicht verändert?

Während wir mit Blick auf das Ehrenamt früher von der Organisation her dachten und fragten: „Was steht an? Wie finden wir Menschen, die es tun?“, gewinnt das Ehrenamt heute sein Profil durch die umgekehrte Blickrichtung. Engagierte Menschen fragen: „Was kann ich? Wie kann ich meine Talente in der Kirche fruchtbar machen?“ Es geht für die Kirche darum, sich stärker für die Interessen dieser Engagierten zu öffnen. Wir brauchen eine Anerkennungskultur und ein reflektiertes Freiwilligenmanagement.

Partizipation bedeutet Teilhabe. Inwiefern haben Ehrenamtliche in Kirche und Diakonie teil an wichtigen Entscheidungen?

Die Partizipation ist bereits durch die Zusammensetzung unserer Leitungsgremien gesichert, das heißt, sie ist strukturell verankert. Unsere Kirchenordnung schreibt vor, dass die Ehrenamtlichen zahlenmäßig in sämtlichen Leitungsgremien in der Mehrheit sind.

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Annette Kurschus © Foto: EKvW

„Ist doch eigentlich schon alles entschieden“– dieser Satz ist von Ehrenamtlichen immer wieder zu hören, die sich in gemeindeleitenden Gremien engagieren. Ein Vorwurf an Hauptamtliche, die Entscheidungen vorab einfädeln und vorfiltern?

Dass die Hauptamtlichen in der Regel einen Informationsvorsprung haben und mehr Zeit zur Verfügung stellen können, weil es sich um ihre berufliche Arbeitszeit handelt, liegt in der Natur der Sache. Dafür werden die Hauptamtlichen bezahlt. Es wäre traurig, wenn sie den ehrenamtlich Engagierten in inhaltlichen Fragen nichts voraushätten. Dass deswegen „alles schon entschieden“ sei, kann ich aus meiner Erfahrung nicht bestätigen. Im Gegenteil. Die Ehrenamtlichen haben mit ihren Voten ein besonders starkes Gewicht.

In Kirchengemeinde werden teilweise große Budgets verwaltet und millionenschwere Bauvorhaben geplant –mal ein neues Gemeindezentrum, dann wieder eine neue Kita. Kirche legt viel Verantwortung in ehrenamtliche Hände. Ist das auch eine Überforderung?

Zunächst einmal halte ich es für eine positive Herausforderung und einen großen Anreiz. Viele Ehrenamtliche wünschen sich von ihrem Ehrenamt, dass es sie mit ihren persönlichen Kompetenzen fordert, die sie bereits mitbringen. Im Übrigen fordern wir nicht nur, wir fördern auch. Für Presbyterinnen und Presbyter zum Beispiel bieten wir gezielt Schulungen und Möglichkeiten zur Weiterbildungan, damit sie ihr leitendes Ehrenamt qualifiziert wahrnehmen und ausfüllen können. Manche Menschen erwerben im kirchlichen Ehrenamt zusätzliche fachliche Qualifikationen.

Bislang waren viele Finanzkirchmeister ehrenamtlich für ihre Kirchengemeinde aktiv und verfuhren nach dem Prinzip der Kameralistik. In vielen Landeskirchen wird dies derzeit durch die komplizierte und aufwendige doppelte Buchführung ersetzt. Kann man erwarten, dass sich ein Ehrenamtlicher einarbeitet?

Wer ein Amt innehat, muss auch etwas dafür tun. Wenn jemand als Kirchmeisterin oder Kirchmeister Verantwortung übernimmt und damit auch Macht übertragen bekommt, bleibt es nicht aus, dass er oder sie sich mit neuen Situationen und Verfahren vertraut machen muss. Im Übrigen ist die kaufmännische Buchführung vielen Ehrenamtlichen aus ihren beruflichen Zusammenhängen bestens vertraut, da können die Hauptamtlichen der Kirche also womöglich von ihnen lernen.

In manchen Kirchenkreisen und Dekanaten wird aus Mangel an Kandidaten nicht einmal in zehn Prozent der Gemeinden gewählt. Woran liegt das?

Die Ursachen sind vielfältig. So haben sich etwa die Arbeits- und Lebenswelt vieler Menschen stark verändert. Das merken etwa Sportvereine, Feuerwehren und politische Parteien, die ganz ähnliche Mangelerfahrungen machen. Wo ein anspruchsvoller Beruf, wo die Pflege der alten Eltern und wo die geteilte Verantwortung für Kinder ernstgenommen werden, da bleibt ganz oft wenig Zeit und Kraft für ein verantwortungsvolles und intensives Ehrenamt. Ein anderer Aspekt tritt aus meiner Sicht hinzu: Wo „echte“ Wahlen stattfinden – wo also mehr Kandidatinnen und Kandidaten zur Verfügung stehen als freie Plätze im Leitungsgremium –, da bleiben auch „Verlierer“ zurück. Mein Eindruck ist, dass die potenzielle Möglichkeit, nicht gewählt zu werden, Menschen davon abhält, sich einem Wahlverfahren zu stellen.

Was bedeutet dies für ein „Priestertum aller Getauften“, das zum Kern des evangelischen Selbstverständnisses gehört?

Das „Priestertum aller Getauften“ ist zunächst einmal eine theologische Kategorie. Sie besagt: Wer getauft ist, hat unmittelbaren Zugang zu Gott und braucht keine anderen Mittler, erst recht keine besondere Weihe, um mit Gott in Kontakt zu treten. Martin Luther schreibt: „Was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon Priester, Bischof und Papst geweiht sei, obwohl es nicht jedem ziemt, dieses Amt auch auszuüben.“ [Aus: An den christlichen Adel ... (1520)] Richtig ist, dass wir als Protestanten unsere Kirche bis in die Leitungsgremien hinein nicht ohne die Selbstverantwortung der Gemeindeglieder denken können und wollen. Wir müssen deshalb dafür Sorge tragen, dass dies – auch unter veränderten Bedingungen der Lebens- und Arbeitswelt – möglich und wirklich bleibt.

Wichtige Entscheidungen, die Gemeinden betreffen, werden auch in übergemeindlichen Gremien getroffen – auf Ebene der Landeskirchen, Kirchenkreise und Dekanate. Was auffällt: Vertreten sind hier vornehmlich Menschen, die hauptberuflich für Kirche und Diakonie tätig sind. Wie kann es gelingen, dass ehrenamtlich Engagierte dennoch die Belange der Kirche mitbestimmen?

Allen übergemeindlichen Gremien gehören auch ehrenamtliche Vertreterinnen und Vertreter aus Kirchengemeinden an. Dass in diesen Gremien bestimmte Rahmenbedingungen festgelegt werden, ist deshalb sinnvoll, weil übergemeindliche Gremien eine Perspektive einnehmen müssen, die über den jeweils eigenen Gemeindekirchturm hinausgeht. Diese Perspektive, die naturgemäß nicht deckungsgleich mit der berechtigten Einzelsicht jeder Gemeinde sein kann, ist für weitreichende Entscheidungen zwingend nötig.

Kritiker aus Kirchengemeinden, darunter viele Ehrenamtliche, monieren seit Jahren eine Hierarchisierung und Zentralisierung innerhalb der evangelischen Kirche. Kirchengemeinden verlören Kompetenzen, könnten nicht mehr selbstbestimmt agieren, der presbyterial-synodale Charakter der evangelischen Kirche gehe verloren. Gilt heute eher die Regel, „partizipieren darf jeder, aber die Entscheidungen treffen andere“?

Dies würde ich so nicht unterschreiben. Wo Strukturen verkleinert werden müssen, wo finanzielle Ressourcen schwinden und deshalb die Personaldecke dünner wird, gerät unsere presbyterial-synodale Ordnung, die ein hohes Gut ist und bleibt, mitunter an Grenzen. Hier kann es eine Hilfe und eine Stärkung der Leitung vor Ort bedeuten, Verantwortung an die nächstgrößere institutionelle Ebene zu übertragen. Denn auch diese übergemeindliche Ebene ist ja wiederum synodal konstituiert und damit demokratisch legitimiert. Kirchenkreise und Landeskirchen übernehmen an vielen Stellen eine stellvertretende und entlastende, aber keineswegs entmündigende Rolle für die gemeindlichen Leitungsgremien.

„Wo Strukturen verkleinert werden müssen, wo finanzielle Ressourcen schwinden und deshalb die Personaldecke dünner wird, gerät unsere presbyterial-synodale Ordnung, die ein hohes Gut ist und bleibt, mitunter an Grenzen.“

Wenn die evangelische Kirche für jedermann da sein will und jeder partizipieren darf, geht das zulasten des Profils?

Vielfalt selbst kann ein Profil sein. Vorausgesetzt, sie bedeutet nicht Beliebigkeit. Für alle da sein wollen – das ist unser ausdrücklicher Auftrag! – heißt nicht: Es allen recht machen.

Die evangelische Kirche verzeichnet einen erheblichen Mitgliederschwund. Sehen Sie in neuen Partizipationsformen Strategien, um Mitglieder wieder stärker an die Kirche zu binden?

Neue Formen schaffen neue Möglichkeiten der Partizipation. Wir tun in dieser Hinsicht bereits einiges. Als Strategie zur Mitgliederbindung taugen Partizipationsformen allein meines Erachtens nicht. Dazu braucht es Inhalte und geteilte Überzeugungen. Mitgliederbindung entsteht durch erfahrbare Beziehung.

Heute bestehen durch Digitalisierung viel mehr Möglichkeiten, schnell und unkompliziert Meinungen einzuholen. Wie müssen Partizipationsprinzipien in kirchlicher Arbeit eingebunden sein, damit sie nicht bei Zeitknappheit unter den Tisch fallen?

Wir können sicher noch viel tun, um die Neuen Medien besser zu nutzen. Aber die Möglichkeit, schneller als früher Meinungen abzugeben oder einzuholen, sorgt für sich genommen noch nicht für den lebendigen Meinungsaustausch, der uns als Kirche auszeichnet. Wir leben auf allen kirchlichen Entscheidungsebenen davon, dass wir Gemeinsamkeiten und tragfähige Kompromisse finden. Dies braucht seine Zeit, und es braucht – davon bin ich überzeugt – auch die direkte Begegnung. Auf beides sollten wir auch in Zukunft nicht verzichten.

Viele Pfarrerinnen und Pfarrer sind mehr mit organisatorischen Fragen beschäftigt als damit, geistliche Impulse zu setzen: Welche Rollen haben Ihrer Ansicht nach Pfarrer in einer zukunftsweisenden Kirche?

Pfarrerinnen und Pfarrer sind die ausgebildeten Theologinnen und Theologen in unserer Kirche. Organisieren, verwalten und strukturieren können auch andere – oft sogar besser. Womit wir wieder beim Ehrenamt wären! Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer überzeugen als Menschen, die von ihrer theologischen Bildung her und aus ihrer persönlichen geistlichen Existenz heraus in der Lage sind, Gottes Wort lebendig in die heutige Zeit und in unterschiedlichste Situationen des menschlichen Lebens hinein zu sprechen, verantwortungsvoll vom christlichen Glauben zu sprechen und aktuelle gesellschaftliche Prozesse und Ereignisse im Licht des Evangeliums zu deuten.

Interview: Thomas Becker

Zur Person:

Annette Kurschus ist stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.

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